WORDS // Black Mountain College


Lake Eden Campus, 1941-1957

Für Referatsvorbereitungen an der Uni bin ich auf ein unheimlich spannendes Thema gestoßen: Das Black Mountain College. Vielleicht findet der ein oder andere die Geschichte genauso interessant wie ich! Deswegen teile ich mit euch hier das kurze Essay, das ich zu dem Thema verfasst habe und starte gleich noch eine neue Kategorie auf diesem Blog: „WORDS“. Dort will ich kurze Texte über interessante Themen schreiben, auf die ich zufällig stoße oder gerade in der Uni behandle. Doch jetzt erst einmal viel Vergnügen beim Lesen:

Mitten in den Wäldern von North Carolina in den USA gründete John Andrew Rice 1933 das Black Mountain College. Am Anfang stand eine Spende von 14.500 Dollar, 12 Lehrern, 22 Stunden und eine Idee, deren Impulse das 20. Jahrhundert weltweit prägten und sich immer noch auf gegenwärtige Bildungsdebatten auswirkt: Das College sprach sich gleich in seinem ersten Manifest entschieden gegen die eingestaubten hierarchischen Strukturen der westlichen Gesellschaft, dem vorherrschenden engen Kulturbegriff und der stumpfsinnigen Faktenbüffelei des Bildungssystems aus. Die Hochschule wollte Methoden und Prozesse lehren und nicht Inhalte und Resultate vermitteln. Das Stichwort war „Erfahrungen sammeln, statt auswendig lernen“.

Viele Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle zog es deshalb an das College. Auch durch die Machtergreifung Hitlers und der Schließung des Bauhauses im selben Jahr der Collegegründung gelangten viele Emigranten aus Europa in die Vereinigten Staaten.
Allen voran kam das Ehepaar Josef und Anni Albers direkt nach ihrer Entlassung am Bauhaus in Weimar als Dozenten an das Black Mountain College. Viele weitere folgten ihrem Beispiel, als die Lage in Europa immer bedrängender wurde und die Hochschule wurde somit auch eine Zufluchtsstätte ihrer Kunst und Kultur.
Heute kann das College auf eine Liste namhafter Alumni und Fakultätsmitglieder zurückblicken: Unter ihnen waren zum Beispiel die Architekten Walter Gropius und Buckminster Fuller, der Komponist John Cage, die Maler Willem de Koonig, Cy Towmbly und Robert Rauschenberg und Albert Einstein hielt sogar eine Vorlesung.


Architekturklasse von Buckminster Fuller, 1949

Die Erziehungsphilosophie des Pädagogen und Philosophen John Dewey und eine ganzheitliche Bildung waren das geistige Fundament des Black Mountain College. Um dies zu erreichen war eine produktive Verflechtung verschiedener Disziplinen grundlegend. Von bildender Kunst über Architektur, Musik, Tanz, Theater, Literatur bis zu den Wissenschaften wie Mathematik oder Geschichte waren alle Fachrichtungen vertreten. Diese Interdisziplinarität und das fächerübergreifende Lernen führte zu neuen Ideen, die man allein in seiner Disziplin vielleicht nicht gefunden hätte. Jedoch blieb die Kunst immer Forschungspraxis und erkenntnisstiftende Kraft. Dewey bezeichnet eine in den Alltag integrierte Kunst als „pragmatische Ästhetik“ und sieht sie als Teil der ganzheitlichen Bildung. Sie soll die Studenten zu verantwortungsvollen Mitgliedern der Gesellschaft ausbilden und sie zu weltoffenen (open-minded) und wachsamen (open-eyed) Menschen machen. Dabei spielte das Experiment als dominante Lehr- und Lernmethode die wichtigste Rolle. Es gilt als ästhetisches Verfahren und integraler Bestandteil schöpferischer Prozesse. Die Studenten sollten ihre künstlerischen Kompetenzen durch eine experimentelle Vorgehensweise entfalten.
Dabei steht keinesfalls das Ergebnis im Vordergrund, sondern der Prozess. Frei nach der heuristischen Methode „trial and error“ versuchte man am Black Mountain College Probleme zu lösen. Die Aufgaben und Übungen waren außerhalb der Kategorien richtig oder falsch bzw. Gelingen oder Misslingen. Das Scheitern halt als Methode und Hinführung zum Sehen und Verstehen. Denn erst die Erkenntnis befähigt selbst zu gestalten.
Ein Zitat von Josef Albers zeigt, dass das zwanglose und prozessorientierte Handeln schon von Anfang an entscheidendes Kriterium am College war:

„Kunst befasst sich mit dem WIE und nicht mit dem WAS […] Die Durchführung – wie es gemacht wird – ist der Inhalt von Kunst.“

Eine weitere wichtige Erziehungsmaßnahme war das selbstbestimmte Gemeinschaftsleben. Die Studenten und Lehrer kümmerten sich selbstständig um den Haushalt und sorgten für die Verpflegung des Colleges auf der angrenzenden Farm. Sogar Bauprojekte realisierten sie eigenständig. Die Zusammenarbeit und Selbstversorgung sollte die Studenten an Erfahrungen bereichern und ihr Denken schärfen.


Baumaßnahmen am College

All diese Maßnahmen sollten die Studenten zu weitsichtigen und selbstreflektierten Menschen machen, die eigenständig und selbstbewusst im Leben stehen und mit sich und ihrer Arbeit zufrieden sind. Denn das Leben und die Welt befinden sich in einem stetigen Wandel. Deshalb war es für die Gründer des Colleges wichtig, seinen Studenten die Art und Weise – also Prozess und Methode – wie man mit den Tatsachen umgeht zu vermitteln und dass die Tatsache selbst viel weniger wichtig ist, als der Weg.

Das Black Mountain College galt seiner Zeit als utopischer Ort. Jedoch gab es auch hier deutliche Momente von Unterdrückung und Konservativismus. Trotz seiner abgelegenen Lage war das College nicht von den Normen der Außenwelt isoliert. Viele Entscheidungen kamen unter der Berücksichtigung des Zeitgeistes zustande und konnten sich nicht vom puritanischen und konservativen Meinungsbild der 1930er und 40er Jahre distanzieren. Vor allem die Rassen-Integration und die sexuelle Moral waren ein maßgebliches Problem des Colleges.
1940 zog sich der Gründer John Andres Rice wegen familiärer und beruflicher Spannungen und der Desillusionierung seiner Ideale vom College zurück. Neun Jahre später verließen auch die beiden wegweisenden Bauhaus-Künstler Anni und Josef Albers die Ausbildungsstätte. Das College war in seiner Endphase noch mehr als zuvor von finanziellen Notlagen gezeichnet und verkam kontinuierlich zu einer Künstlerkolonie, aus der die Demokratie weitgehend verschwunden war.
In der paranoiden und konservativen Stimmung des Landes Mitte der 1950er Jahre, vermutete die amerikanischen Regierung in der Hochschule eine Tarnung von sowjetischen Spionen und damit eine akute Bedrohung durch den Kommunismus. Auch wenn dem nicht so war, wurde das Black Mountain College 1957 durch einen richterlichen Beschluss geschlossen.

Obwohl die Studenten am Black Mountain College keinen staatlich anerkannten Abschluss erwerben konnten, galt es trotzdem als Ideal einer freien Schule und Ausbildungsstätte individueller Persönlichkeiten und Freidenker. Seine pädagogischen Prozesse ziehen einen Bogen über die Moderne in die Gegenwart und stehen bis heute im Zusammenhang mit der Partizipation und Prozesshaftigkeit in den Künsten. Das Verhältnis von Kunst und Handeln wird neu definiert und verstärkt in die Wissensvermittlung und Bildung integriert. Die Handlung wird zu einem Medium der Kunst und die Kunst zu einem neuen Medium des gesellschaftlichen Handelns.

Auch wenn viele Wegbereiter und wichtige Persönlichkeiten am Black Mountain College lehrten und lernten, soll es aber nicht als Liste berühmter Namen und Erfolge gesehen werden, sondern als eine Geschichte des Scheiterns und als Erinnerung daran was für unsere Gesellschaft noch zu tun bleibt. Denn wie Buckminster Fuller einst sagte: „Es klappt, wenn Du aufhörst zu scheitern.“


Literatur:
Blume, Eugen u.a.: Black Mountain College: ein interdisziplinäres Experiment. 1933-1957, Leipzig 2015. | Karich, Swantje: Am Black Mountain College waren sie alle, in: Die Welt, 07.06.2015. | Lane, Mervin: Black Mountain College: Sprouted Seeds. An Anthology of Personal Accounts, Knoxville 1990.

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