WORDS // Social Design

social_design_by_findingfoxesArmut, Gewalt, Elend und Umweltverschmutzung sind für uns allgegenwärtig geworden. Auch wenn wir sie nicht direkt vor Augen haben, wissen wir doch unterbewusst, dass es auf der Welt Dinge gibt, die wir uns am liebsten wegwünschen würden. Doch so einfach geht das leider nicht. Schon öfter schlich sich bei mir der Gedanke ein, dass ich nun auch mal aktiv werden sollte und will, etwas beizutragen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Doch einfach protestieren und mich an Bäume ketten finde ich nicht effektiv. Ich würde gerne etwas Nachhaltiges tun, was den betroffenen Menschen auch wirklich hilft und sie weiterbringt. Am besten wäre es doch, mit meinem Beruf etwas zu bewegen. Mich mit meiner Arbeit am Weltgeschehen beteiligen. Doch was kann ich da als kleiner Designer ausrichten, als nur Logos oder Broschüren schön zu gestalten? Mein glaubt es kaum, aber tatsächlich sehr viel! Schon seit einigen Jahren etabliert sich der Begriff „Social Design“, den ich hier näher beschreiben möchte:

Social Design ist Design ohne Autor.

Bis heute herrscht das allgemeine Verständnis vor, Design beruhe nur auf der Ästhetik der Produkte, als Etikett für Lifestyle. Daraus resultiert die Annahme, dass die wichtigste Kompetenz des Designs die Erzeugung von Schönheit sei. Dies führte sogar soweit, dass Designprodukte beinahe Kunststatus erhielten und der Mehrwert nicht der Gebrauchs- sondern der Prestigewert war. Dabei steht meist nur ein einzelner Designer als Schöpfer bzw. Autor hinter den Produkten.
Deshalb können Themen von öffentlichem Interesse oder gesellschaftlichem Anliegen kein Ausdruck eines Designers sein. Denn nicht der persönliche Ausdruck eines Designers steht bei diesem Themenkomplex im Vordergrund, sondern die Funktionalität und Bedürfnisse der Endverbraucher.  Des Weiteren sind Themen der Gesellschaft viel zu komplex, um von einer einzelnen Person betrachtet zu werden. Viel zu viele Gesichtspunkte spielen dabei eine Rolle, um von einer Person verstanden, interpretiert und verarbeitet zu werden. Also muss sich hier der Einzelne selbst zurückstellen, um für die Bedürfnisse der Verbraucher Platz zu machen und diese gewissenhaft und empathisch zu analysieren.
Essentiell ist hier ein interdisziplinäres Zusammenarbeiten, ein Arbeiten mit und zwischen einzelnen Fachrichtungen. Dabei funktioniert der Designer als Bindeglied, als Vermittler zwischen den einzelnen Disziplinen. Alleine wäre er in diesem sozialen respektive gesellschaftlichen Kontext handlungsunfähig.
Seine Aufgabe besteht also darin, eine Beziehung zwischen gegebenen, voneinander unabhängigen Dingen zu finden und diese in eine gemeinsame Form zu bringen.

Social Design braucht Einfühlungsvermögen.

Ein Charakteristikum des Designers ist es, viele Möglichkeiten zu haben, um ganzheitliche Zusammenhänge zu erfassen und daraus verschiedene Lösungswege zu entwickeln. Damit kann er komplexe Aufgaben vereinfacht und sinnvoll darstellen sowie kommunizieren. Im Social Design müssen von Anfang an alle Disziplinen, Aspekte und Parteien im Entwurfsprozess berücksichtigt und mit einbezogen werden. Dabei erhalten der Nutzer bzw. Endverbraucher eine immer größer werdende Bedeutung. Sie müssen ernstgenommen, besser verstanden und sogar in die Gestaltung integriert werden, um einen ganzheitlichen Designansatz zu ermöglichen. Denn:

„Es geht nicht um die Welt des Designs, sondern um das Design der Welt“
Bruce Mau, 2004

Diese große Aufgabe, sollte das Ziel des zeitgenössischen Designs sein oder werden. Mit einer empathischen Einsicht in das Nutzerverhalten und eine partizipatorische Designpraxis kann dies gelingen. Dadurch wird das Handeln des Designers auch in diesem Kontext zur Moderation und Zusammenfügen der unterschiedlichen eingebrachten Ideen der Nutzer bzw. Endverbraucher. Die Gestaltung selbst dient nur noch dazu eine Form für die Ideen zu finden und wird wortwörtlich zum Gestalt-geben.

Social Design widmet sich gesellschaftlichen Themen.

John  Thackara, einer der Einflussnehmer in ökologischen und nachhaltigen Designaktivitäten, initiierte 2007 das Projekt dott07 im Nordosten Englands. Das Projekt widmete sich Themen der regionalen Gesundheit, Bildung, Mobilität, Energie und Ernährung mit dem Ziel, nachhaltige Konzepte zu generieren. Dabei kam es nicht auf die eine Lösung an, sondern darauf, neue Wege zu finden und sich dem Thema anzunähern. Alle Lösungsansätze bauten auf Bürgerbeteiligung, die zu mehr Akzeptanz führen sollte. Denn wie oben schon müssen die Nutzer respektive Endverbraucher immer mit einbezogen werden.

„A world based less on stuff and more on people.”
– John Thackara, 2005

Es wurden kleinere Teilprojekte ins Leben gerufen, die auf bereits vorhandene Ressourcen zurückgreifen. Dabei wurden die Ansätze eher allgemein gehalten und dann in konkrete Maßnahmen überführt. Beispielsweise wurde gefragt „Wie können Schüler selbstständig den ökologischen Fußabdruck ihrer Schule verringern?“. Mit Fragen dieser Art sollte das Bewusstsein für die regionale Nachhaltigkeit geschärft werden. Entscheidend dabei ist, dass etwas am Ende herauskommt, was die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt langfristig zum Positiven wendet. Auch wenn die Fragestellung zunächst zu groß und ein einzelner Ansatz vielleicht nicht zielführend erscheint, muss trotzdem Verantwortung übernommen werden. Jede Gelegenheit muss für neue Wege genutzt werden, denn auch kleine Veränderungen können eine große Wirkung haben. Der schlimmste Fehler, der begangen werden kann, ist Gleichgültigkeit.

Social Design vertritt die einfachen Menschen.

Meist gibt es im Social Design keinen konkreten Auftrag, sondern nur ein externes Anliegen, um vorhandene Probleme auszugleichen. Dadurch ist nicht der Gestalter im eigentlichen Sinne gefordert, sondern eher der innovative Erfinder im Gestalter. Die Lösungen dabei müssen nicht immer kompliziert sein. Auch einfachste Ideen können beeindrucken und sind meist wegen ihrer Unkompliziertheit auch besser geeignet. Die beiden Architekten Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner, die sich den Strukturen der informellen Stadtentwicklung und den damit verbundenen Problemen und Chancen widmeten, erbauten in einem Vorort der venezolanischen Hauptstadt eine mehrgeschossige Sport- und Freizeithalle. Dieses „Vertical  Gym“ gibt den Bewohnern in der dicht bewohnten Siedlung Raum für sinnvolle Freizeitbeschäftigung und spart durch eine effiziente, flexible und günstige Bauweise Platz und Geld. Durch diese simple und kluge Maßnahme konnte nachweislich die lokale Kriminalität reduziert und die soziale Kompetenz des Milieus geschult werden.


Vertical Gym des Urban Think Tank-Projekts

Social Design ist optimistisch.

Letztendlich soll Social Design eine Haltung entwickeln, sich für etwas einzusetzen und aktiv für Veränderung einstehen. Dabei verantworten Designer nicht nur Gestaltung, sondern auch die Gestaltung von Verantwortung. Social Design ist immer eine optimistische Disziplin mit Blick nach vorne und bestimmt diesen Blick mithilfe einer Gesellschaft von Morgen. Wir, die Designer, sind dafür verantwortlich, was wir dieser Welt zur Verfügung stellen. Diese Verantwortung ist aber keine Last, sondern ein Potential, das man nutzen sollte um die Menschheit voranzubringen und etwas zu verbessern.

„Now that we can do anything, what will we do?”
– Bruce Mau, 2004


Literatur:

Beucker, Nicolas: Social Design als Gestaltgebung von Verantwortung, Krefeld o. J. | Papanek, Victor: Design für die reale Welt. Anleitung für eine humane Ökologie und sozialen Wandel, Wien 2009.

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